Das Irrenhaus

2.1.2017 - Karima (73663 km)

Der Wärter kontrolliert meine Papiere und lässt mich ohne weitere Umstände eintreten. Ein sehr freundlicher Mann, der sich besonders darüber freut, dass ich Bet Ityopiya, das Haus Äthiopien, nun schon zum achten Mal besuche.

Dieses Haus ist groß, dreimal so groß wie Deutschland, und die Zimmer liegen weit verteilt. Keines gleicht einem anderen. Wenn du eine Tür öffnest, darfst du jedes Mal gespannt sein, was auf dich zukommt. Das erste Zimmer trägt den Namen "Moyale". Einige Männer grüßen in angenehmem Ton, andere brüllen barsch irgendwas hinter mir her. Einer der jüngeren Männer, nicht schlecht gekleidet, bettelt um Geld - ganz offensichtlich nur deswegen, weil ich ein Weißer bin. Außerdem rennen ein paar wilde Kinder umher und zerren am Gepäck, lassen erst von mir ab, als ich ein besonders ernstes Gesicht auflege.

Weiter nach Mega, eine knappe Tagesreise entfernt. Beim Abendessen komme ich mit einem gut gebildeten Äthiopier ins Gespräch, der für eine Hilfsorganisation in einem nahen Flüchtlingslager arbeitet. "Flüchtlinge? Hier?", wundere ich mich. "Es sind Menschen aus dem Norden Kenias, die vor Stammeskonflikten geflohen sind", erklärt er.

Als wir uns verabschieden, sagt er: "Enjoy your stay in Mega, this is a peaceful place." Das stimmt, die Menschen sind hier wesentlich zurückhaltender als die in Moyale, sehr entspannt.

Bei der Weiterfahrt am nächsten Morgen jedoch Ernüchterung. Ein Mann Mitte 20 winkt mir zu - doch als ich an ihm vorbeiradle, will er einen Stock in die Speichen des Hinterrades schieben. Zum Glück geht es bergauf, ich bin langsam und kann sofort abbremsen. Der Feigling nimmt die Beine unter den Arm und rennt davon. Die 30 umstehenden Männer finden die Szene total witzig und lachen amüsiert. Das macht mich nur noch wütender. Seid ihr verrückt? Das ist doch alles andere als Spaß! Nur zwei in der Gruppe zeigen sich betroffen und raten mir, zur Polizei zu gehen.

"Wisst Ihr, wie er heißt?"

"Nein."

Schade, dann kann ich mir den Weg zur Polizei sparen. Trotzdem bedanke ich mich bei den beiden - den einzigen Vernünftigen in dieser großen Männergruppe.

Der Süden Äthiopiens ist dünn besiedelt. Von Mega nach Yabelo sind es gut 100 Kilometer, dazwischen gibt es nur das Dorf Dubuluk und ab und zu ein paar einsame Hütten am Straßenrand. Kurz vor Dubuluk werfen zwei Jungen mit den Früchten eines Steppenstrauches nach mir, gelben Bällen, die wie Quitten aussehen. Völlig ungefährlich natürlich, aber eine weitere hässliche Aktion. Sie treffen mich nicht - und es schmerzt trotzdem. Denn sie treffen meine alte Liebe zu Äthiopien. Sie zieht sich an diesem Tag erste Blessuren zu.

In Dubuluk erfahre ich Genaueres zum Ausnahmezustand, den die Regierung wegen der schweren Unruhen neulich über das Land verhängt hat. Ein äthiopischer Mitarbeiter von "Save the Children" erzählt, dass man 25 Kilometer rechts und links von "Roten Straßen", den Hauptverbindungswegen, keine Waffen tragen darf. Ich schiebe einen Teil der Plastiktüte auf meinem vorderen Gepäckträger beiseite, so dass er den Griff meiner Machete sehen kann. Die habe ich in Kenia gekauft, um hier im Ernstfall nicht völlig wehrlos dazustehen.

"Oh!" Der gute Mann ist leicht erschrocken. "Die halte aber gut versteckt".

In der gelben Plastiktüte versteckt sich die Machete ...

... die ich in Kenia für knappe zwei Euro gekauft habe.

 

Er wundert sich außerdem, dass ich am Checkpoint nördlich von Moyale vorbeigekommen bin. Ausländer dürften sich derzeit nämlich nur im Umkreis von 40 Kilometern um Addis Abeba bewegen, sagt er. Doch der Checkpoint kurz nach der Einreise stellte kein Problem dar. Die Soldaten dort haben nur das Visum und den Einreisestempel genau kontrolliert und mich dann einfach weiterziehen lassen. Von den Einschränkungen in Addis Abeba hatte ich auch irgendwo gelesen. Sie bezogen sich nach meinem Verständnis nur auf ausländische Diplomaten.

Auch die Kommunikation wird seit Beginn der Unruhen behindert, das Internet ist ganz oder teilweise abgeschaltet. Offiziell sind es technische Probleme, aber jeder weiß, dass die Regierung dahintersteckt. Es gibt in Äthiopien nur einen einzigen Provider, Ethio Telecom, und der ist in staatlicher Hand. Gegen die Regierung sagt man öffentlich jedoch besser nichts, denn dafür drohen drei Jahre Haft.

Ein Waffenverbot also im 25-Kilometer-Umkreis um die Roten Straßen - das ist an sich eine gute Idee. Die verbreitetste Waffe der Äthiopier liegt allerdings überall griffbereit herum: der Stein. In keinem anderen Land der Welt wird er so häufig als Wurfgeschoss verwendet wie hier. So war es auch ein mehr als faustgroßer Stein, der bei den schweren Ausschreitungen im März 2001 in Addis Abeba meinen Kopf nur knapp verfehlte. Während der aktuellen Unruhen ist neben zahlreichen Einheimischen eine US-Amerikanerin ums Leben gekommen; sie wurde von einem Stein so unglücklich getroffen, dass sie ihren Verletzungen erlegen ist.

Anlass für die jüngsten Ausschreitungen waren Pläne der Regierung, das Stadtgebiet von Addis Abeba auf das Gebiet der Region Oromia auszuweiten. Das Volk der Oromo widersetzte sich vor allem aus Sorge vor Zwangsräumungen. Immer wieder gibt es Konflikte zwischen den Volksgruppen im Vielvölkerstaat Äthiopien. Die Macht liegt schon seit vielen Jahren in den Händen der Tigre. Ein Vorwurf der anderen Völker lautet, dass die Regierung die Provinz Tigray bei der Entwicklung des Landes deutlich bevorzuge. Außerdem verkaufe sie Äthiopien  und seine Ressourcen an ausländische Investoren. Auch daher wohl die Aggression des Volkes gegen Ausländer. Während der Unruhen wurden unter anderem Rosenfarmen zerstört, die in internationaler Hand sind.

Die Schotterstraße nach Arba Minch

Bei Yabelo fahre ich links von der Hauptstraße ab, um einen Umweg über Arba Minch zu machen. Die Stadt liegt oberhalb der Seen Chamo und Abaya und lädt nach fast zwei Wochen ununterbrochenen Radelns zu ein paar Tagen Pause ein. Auf dieser Nebenstrecke war ich schon in früheren Jahren unterwegs, die Menschen waren dort immer recht angenehm, die Kinder zurückhaltend, ganz anders als die wilden Kids im Norden.

Doch dieser Landstrich hat sich völlig verändert. Ständig rennen aufgedrehte Kinder hinter mir her und schreien "Heiland, Heiland!" Man könnte sich ge- und verehrt fühlen. Aber - können die wirklich Deutsch? In Wirklichkeit rufen sie "Highland! Highland!" und wollen das Wasser in meinen Trinkflaschen haben. "Highland purified water", das aus der Werbung. Das muss ja viel, viel besser sein als ihr Brunnenwasser. Dabei ist in meinen Trinkflaschen ... doch auch nur ihr langweiliges Brunnenwasser.

Kinder, Kinder!

In dieser Gegend betteln jetzt sogar die Erwachsenen. Nicht als klassische Bettler, alt und gebrechlich oder mit schwerer Behinderung am Straßenrand sitzend. Hier gehen mich Männer, die besser gekleidet sind als ich, mit der Forderung nach Geld an. So etwa im Dorf Kulito ein 40jähriger in dem kleinen Restaurant, in dem ich gerade zu Abend gegessen habe. Der Mann im grauen Anzug und mit einem Smart Phone in der Hand - vor ihm steht eine Flasche Bier auf dem Tisch - will 100 Birr von mir, gut vier Euro.

"Wieso sollte ich Dir 100 Birr geben?"

"Weil Du reich bist."

"Warum meinst Du, dass ich reich bin?"

"Weil Du hierher geflogen bist."

Seit Malawi gibt es auf meiner Route diese Gelegenheitsbettelei. Allerdings waren es immer Kinder und Jugendliche, die am Straßenrand mal eben versuchten, was abzugreifen. Doch in Äthiopien nimmt die Bettelei inzwischen bizarre Züge an. Erwachsene Menschen bitten nicht nur um Geld, sie fordern es; sie meinen, dass ihnen ein Teil deines Besitzes zusteht. Weil ungerechterweise ja nur in Europa das Geld vom Himmel fällt.

"Give your money!" brüllt er schon von Weitem. Auch er übrigens in hochwertiger Kleidung unterwegs.

 

Am nächsten Tag wird es zwischen Kulito und Shashamane ernst. In einem kleinen Dorf kommt ein Mann auf mich zu und fordert schon von Weitem Geld: "Give your money!". Als er vor mir steht, rücke ich ganz dicht an ihn heran und frage, was der Unsinn soll. Er weicht keinen Zentimeter zurück, sondern wiederholt nur laut seine Forderung. Ich schaue mich um, finde aber niemanden, der den Mann zügeln könnte. Hier scheinen sie alle gaga zu sein. Zum ersten Mal entscheide mich zur Flucht. Zunächst gelassen und langsam trete ich in die Pedale, dann immer heftiger. Der Mann verfolgt mich. Und ein weiterer hat sich angeschlossen - jetzt rennen mir zwei Erwachsene nach. Wenn noch ein paar Männer dazukommen, können sie mich zerrupfen. Da wird mir auch meine Machete nicht sehr weit helfen. Ich spüre wieder diese gefährliche äthiopische Tendenz zur Mobbildung. Als sich ein Bus von hinten nähert, fahre ich auf die Mitte der Straße, um das Fahrzeug zum Halten zu zwingen. "Shifta! Shifta!" rufe ich ("Banditen!") und deute auf die Verfolger. Während einige Passagiere auf die Männer einreden, nutze ich die Zeit, um Boden gut zu machen.

Nur eine halbe Stunde später gerate ich in eine ähnliche Situation, diesmal rennt eine Gruppe 20jähriger mit aggressiven "Give money!"-Rufen hinter mir her. Wieder rettet mich ein nahender Bus.

Als ich bei Shashamane nach 450 Kilometern Nebenstrecke zurück zur Hauptstraße komme, bin ich erst einmal sehr erleichtert. Aus zwei Gründen verspreche ich mir Entspannung: Die Polizeipräsenz ist auf den Hauptstraßen größer und der Intelligenzquotient der Menschen höher.

Die schweren Unruhen ließen eine Reihe ausgebrannter Fahrzeuge zurück.

Das bewahrt mich jedoch nicht vor weiterem Hass, vor Verachtung und Fremdenfeindlichkeit. Kurz hinter Shashamane ballt ein 25jähriger am Straßenrand die Faust und schießt sie meinem Gesicht entgegen. Das alles geht so schnell, dass ich nicht erkenne, warum er nicht getroffen hat. Ist sein Arm nur zu kurz, oder wollte er mich nicht wirklich verletzen? Wieder halte ich an, wieder habe ich es mit einem Feigling zu tun, der davonläuft. Ich suche den Blickkontakt zu dem Mann, der als einziger Zeuge alles verfolgt hat. Mit kreisendem Zeigefinger an der Schläfe deutet er an: "Der ist nicht ganz richtig im Kopf." Immer dasselbe: alle verrückt. Ich bin in einem Tollhaus unterwegs.

Ob er mich nun verletzen wollte oder nicht - getroffen hat auch er meine alte Liebe zu Äthiopien. Sie blutet inzwischen.

Der Unfug nimmt kein Ende. Ein junger Mopedfahrer kommt trotz freier Straße auf meiner Spur entgegen und weicht erst im letzten Moment aus. Er lacht dabei, weil das ja ein unglaublich lustiger Scherz ist. Den Mopedfahrer kann ich nicht verfolgen, wohl aber den Schwachkopf, der nur wenig später seinen schweren Holzkarren direkt auf mich zusteuert. Beim Ausweichen schleudert er mir ein "Fuck you!" zu. Ich drehe um und fahre 50 Meter hinter ihm her, bis wir bei seiner Baustelle angekommen sind. Einer seiner Kollegen redet streng auf ihn ein. Der Schwachkopf kratzt sich verlegen am Hals. Ich verabschiede mich. Wohl wissend, dass meine Erziehungsversuche ein Kampf gegen Windmühlen sind, denn schon nach 500 Metern kann das gleiche wieder passieren.

Der einzige Lichtblick ist die Begegnung mit der älteren Generation, sind die herzlichen Blicke und Grüße, die ich mit den Alten jeden Tag austausche. Ehrwürdige Menschen mit Gesten, die in Deutschland äußerst altmodisch wirken würden. Zum Beispiel die tiefe Verneigung vor dem anderen. Vorbeigehende alte Männer machen sogar so etwas wie einen Knicks und heben dabei beide Hände hoch, wenn ich sie freundlich grüße. Man zieht die Kopfbedeckung.

An einem Abend lädt mich in einer Kneipe eine Männerrunde ein, die Gemeindeangelegenheiten bespricht. Als ich mich nach einer halben Stunde verabschiede, umarmen wir uns, stoßen die rechten Schultern aneinander, wie es in Äthiopien üblich ist. Einer der alten Herren küsst meinen Handrücken. Zum Glück bin ich schnell genug, mich sofort mit einem Kuss zu revanchieren.

Die Begegnungen mit den Alten sind wie Pflaster auf die Wunden meiner verletzten Liebe zu diesem Land. Die Alten in Äthiopien sind klasse!

Injera, der typisch äthiopische, säuerliche Brotfladen.

 

 

 

 

 

 

Äthiopien ist das Ursprungsland des Kaffeestrauches. Der Kaffee wird in einer bedächtigen Zeremonie zubereitet.

Ein paar Tage Pause in der Stadt Awasa. Hier gibt es ein Büro von DHL, über das ich wieder einmal meinen Reisepass nach Deutschland schicke. Diesmal geht es um das Visum für den Sudan, das ich nur über die Botschaft in Berlin beantragen kann. Neben einer Flugbuchung und einer Hotelreservierung für die gesamte Zeit meines Aufenthalts im Sudan werden auch noch die Fingerabdrücke beider Daumen gefordert. Die Abdrücke sind das einzige, was ich nicht fälschen muss.

Für die Rücksendung des Passes kann ich eine Adresse in Addis Abeba angeben. Heiko und seine Frau Judi haben mich eingeladen, obwohl wir uns noch gar nicht kennen. Den Kontakt hat Conny hergestellt, eine gemeinsame Bekannte, die mehr als zehn Jahre für Karlheinz Böhms Stiftung "Menschen für Menschen" tätig war. Conny kenne ich seit meinem ersten Äthiopienbesuch 1992. Später arbeitete sie als Sekretärin an der Deutschen Botschaftsschule, deren Administrator wiederum Heiko ist. Er macht nicht nur seinen Job mit einer angenehmen Gelassenheit, er ist auch privat ausgesprochen unkompliziert. Ich habe eine sehr erholsame Woche bei Heiko und seiner Frau.

Weihnachtsbasar auf dem Gelände der Deutschen Botschaftsschule. Ein paar Tage zuvor habe ich hier einen Vortrag über meine Reise gehalten. Neben mir ein neu gewonnener Freund: Heiko.

Schon vor Wochen ist ein Nachschubpaket für mich bei ihnen angekommen (vielen, vielen Dank an Thomas & Christine und an Andrea!). Darin ein neuer Reifen, ein Schlauch, Landkarten, weitere Kleinigkeiten und zwei Exemplare meiner favorisierten 3/4-Adidas-Sporthosen mit Reißverschlusstaschen. Die ersten zwei hatte ich bis Nordamerika durchgesessen. In Mexiko fanden sich dann Kappa-Fakes, die nach mehrmaligem Flicken bis Addis durchhielten, jetzt aber reif für den Abschied sind.

An einem Montagnachmittag kommt mein Pass mit dem Sudanvisum per UPS-Kurier bei der Botschaftsschule an, Dienstagfrüh breche ich auf in Richtung Norden. Wieder hinaus in die wirkliche Welt, raus aus dem bequemen Addis Abeba. Mir graut vor der Weiterreise, denn der Norden war für Zweiradfahrer immer schon deutlich unangenehmer als der Süden. Doch was für eine Überraschung: An den ersten Tagen gibt es überhaupt keine unschönen Begegnungen. In einigen Orten grüßen die Menschen sogar mit einem aufrichtigen "Welcome!"

Zum ersten Mal seit Südamerika wieder in über 3000 Metern Höhe unterwegs.

 

Unangenehm wird es dann wieder nach der Durchquerung der Schlucht des Blauen Nil. Die Provinz Gojjam macht ihrem Ruf als Hochburg der steinewerfenden Kinder weiterhin Ehre. Immer wieder muss ich Demütigungen hinnehmen, denn die Kinder sind nicht unter Kontrolle zu kriegen und auch nur selten zu fassen.

Der vorletzte Tag in Äthiopien geht jedoch drei zu null an mich. Nach den viele Niederlagen habe ich mit der Zeit Strategien entwickelt, mich zu rächen.

Der Morgen beginnt damit, dass ein kleiner Junge seine Peitsche direkt neben mir auf den Asphalt knallen lässt. Er lacht nur ganz kurz. Als ich ihn verfolge, behindert ihn die lange Peitsche beim Laufen, er lässt sie fallen, ich kassiere sie ein.

Eine Stunde später wieder einmal Steinwürfe. Jugendlichen Hirten neben der Straße. In den letzten Wochen habe ich mir angewöhnt, immer genau auszumachen, wem von den Jungen am Straßenrand was gehört beziehungsweise wer für was verantwortlich ist. Das macht das Radeln nicht gerade entspannter, aber hier in Äthiopien ist es angebracht. Ohnehin muss man die nahe Umgebung ständig gut beobachten, um einem Angriff mit Stöcken oder einem Griff ins Fahrrad vorbeugen zu können.

So weiß ich also, welche Tiere diese drei Jungen hüten. Als ich an ihnen vorbei bin und die Steine fliegen, bremse ich sofort ab und kehre um. Erwartungsgemäß fliehen die Jungen. Üblicherweise rennen Steinewerfer über die Felder oder in Eukalyptushaine davon, so dass ich sie mit dem Rad nicht verfolgen kann. Zu Fuß hinterher ist nicht möglich, weil dann das ja Fahrrad unbeaufsichtigt an der Straße zurückbliebe.

Ihre Ziegen und Rinder stehen jetzt allein auf der Wiese herum. Ich benutze die vor einer Stunde erbeutete Peitsche, um die Viecher in alle Himmelsrichtungen zu vertreiben. Nach zehn Minuten ist der Platz, an dem die drei Hirten ihre Tiere zusammengehalten haben, leer. Die Jungen werden sie wiederfinden, aber es wird hoffentlich eine Weile dauern. Dann entdecke ich noch ein Tuch und zwei leere Wasserflaschen, die die drei bei ihrer Flucht zurückgelassen haben. Ich entfache ein Feuer und verbrenne die Sachen. Einige Erwachse und viele Kinder haben alles genau verfolgt. Sie hindern mich nicht. Zumindest hier wird es für eine Weile keine Steinwürfe gegen Fremde mehr geben.

Doch wie schon gesagt: Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Nur ein Kilometer weiter abermals Steinwürfe. Der Junge macht den Fehler, nicht über die Felder davonzurennen, sondern in eine Hütte zu fliehen. Glück für mich, dass ich seien Fluchtweg im Auge behalten kann. Die dünne Wellblechtür der Hütte ist kein Hindernis. Sie ist zwar von innen verriegelt, aber zwei Tritte reichen aus, und ich bin drin. Schreie der Frauen, von denen ich im Dunkeln nur die Silhouetten sehe. Ihre Schreie sind verständlich, die heftigen Tritte gegen die Tür waren laut, und jetzt steht plötzlich ein Fremder im Raum. Fürchtet euch nicht, ich will nur den Jungen. Er kauert hinter der Tür. Ich zerre ihn heraus ins Freie, um nur schnell mein Fahrrad wieder im Blick zu haben. Dann versohle ich ihm den Hintern so heftig, dass mir die Hand noch am Abend wehtun wird. Er kriegt all das ab, was ich in den letzten Wochen nicht denen mitgeben konnte, die mir entwischt sind. Das ist wohl nicht ganz gerecht, aber es war ja auch nicht ganz gerecht, dass er einen harmlos vorbeiziehenden Fahrradfahrer mit Steinen beworfen hat.

Vom Nachbargrundstück kommen Erwachsene herbei, um den Jungen zu schützen. Jetzt gerate ich auch noch mit einem der Älteren in Streit. Wieder diese Geste, die ich nicht mehr sehen mag: der kreisende Zeigefinger an der Schläfe, der mir sagen soll, dass der Junge verrückt ist. Ja klar, das weiß ich. Seit Wochen die immer gleiche Begründung. All die Deppen am Straßenrand, ob Kinder oder Erwachsene, sind unzurechnungsfähig. 60 Prozent der Äthiopier sind für ihr Handeln nicht verantwortlich, weil sie nicht ganz richtig im Kopf sind, weil sie irre sind.

Eine Nacht verbringe ich noch in Metema, dem letzten Zimmer auf meinem Weg durch Bet Ityopiya. Diesen Weg, der vor wenigen Wochen noch ungangbar erschien, habe ich letztlich ohne ernste Schäden überstanden. Aber wie steht es um meine alte Liebe zu Äthiopien? Wie geht es ihr? - Sie hat viel Feindseligkeit ertragen müssen, auch Hass. Es gab zu viele Angriffe, zu wenige Pflaster. Sie ist verblutet.

Am nächsten Morgen reise ich aus in den Sudan. Hinter mir fällt eine Tür zu - die Tür zum Irrenhaus.

 

 

 

 
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