Der strauchelnde Strauß

Durch den Norden Kenias

9.12.2016 - Bahir Dar (72206 km)

Chris reicht mir das Briefcouvert, das bei ihm per UPS-Kurier nur wenige Stunden vor mir angekommen ist. Ich habe ihm die wichtige Sendung per eMail angekündigt - in dem Umschlag steckt der Pass mit dem Äthiopienvisum, das ich auf dem weiten und teuren Umweg über Berlin beantragen musste.

"Willst du wirklich ausgerechnet jetzt durch Äthiopien fahren?" fragt Chris. Er führt das Globetrottercamp Jungle Junction in Nairobi, den bekanntesten Treffpunkt der Afrikareisenden im Osten dieses Kontinents. Er erzählt, dass in den letzten Wochen - unabhängig voneinander - drei seiner Gäste wieder zurückgekommen sind, weil sie sich in Äthiopien nicht sicher gefühlt haben. Und die waren nicht mit dem Fahrrad unterwegs, sondern in Autos.

Ich weiß, dass es ein Risiko ist. Die Unruhen in den letzten Monaten haben zu zahlreichen Toten geführt. Inzwischen ist der Ausnahmezustand verhängt worden. Und anders als in vielen anderen Weltgegenden werden Ausländer in Äthiopien in innere Probleme mit hineingezogen, werden gern als Sündenböcke hergenommen, sind plötzlich vogelfrei. Die ohnehin vorhandene Ausländerfeindlichkeit nimmt vor allem bei den ungebildeten Äthiopiern schnell zu, diese einfachen Leute neigen zu Mobbildung. Im März 2001 habe ich das in Addis Abeba hautnah erlebt, kam als Vogelfreier in Lebensgefahr, als es nach einem Fußballspiel schwere Ausschreitungen auf den Straßen gab. 30 Tote waren die Bilanz jenes Tages (-> "Heiße Tage in Addis").

Blick hinunter ins Rift Valley ("Ostafrikanischer Grabenbruch") nahe Nairobi

Lange überlege ich hin und her, welches wohl die bessere Route von Nairobi nach Addis Abeba ist. Gern würde ich vorbei am Lake Turkana über Omorate nach Äthiopien einreisen, weil ich diese Route noch nicht kenne. Aber ist die Einsamkeit auf der Nebenstrecke durch den Südwesten Äthiopiens ein Vorteil oder ein Nachteil? Weniger Menschen bedeuten weniger potenzielle Angreifer. Dafür gibt es in dieser Gegend aber auch weniger Polizei. Und die wilden Volksstämme im Südwesten Äthiopiens waren immer schon Krieger, die stahlen und raubten. In diesen unruhigen Zeiten könnten ihre Instinkte wieder geweckt werden.

So entschließe ich mich für die stärker frequentierte Route über Moyale. Zweimal war ich hier schon unterwegs, 1993 und 2001. Beide Male musste ich als Anhalter fahren und das Fahrrad verladen, weil wegen regelmäßiger Überfälle Konvoipflicht herrschte. Heute gelten die 500 Kilometer durch den einsamen Norden Kenias als einigermaßen sicher. Nur gelegentlich gebe es noch politisch motivierte Überfälle der Al-Shaabab-Milizen aus Somalia, heißt es. So selten, dass die Konvoipflicht längst aufgehoben wurde.

Davon weiß der VfL Wolfsburg wahrscheinlich nichts: ein Kleinbus, unterwegs auf kenianischen Straßen.

Bereits Chris' Jungle Junction in Nairobi (kurz JJ's) ist nicht ganz ungefährlich. Allerdings in ganz anderer Weise. Es besteht nämlich die Gefahr, dort hängenzubleiben. Der Garten, in dem man sein Zelt aufstellt, ist gut gepflegt und mit gemütlichen Sitzgarnituren ausgestattet, und der Gemeinschaftsraum im angeschlossenen Guesthouse ist der Hammer: ein mit viel Holz heimelig eingerichtetes, großes Wohnzimmer mit prall gefülltem Bücherschrank, Couchen, Sesseln und für die, die es mögen, einem Fernseher. In diesen Tagen wird eine Ecke dieses Raumes auch mein Arbeitszimmer, denn ich habe vor dem Start nach Äthiopien noch viel am Computer zu erledigen.

Neben etlichen anderen Dingen steht auf der ToDo-Liste das Backup aller meiner Texte, Bilder und Filme seit Südafrika. Von dort habe ich zum letzten Mal eine Datensicherung auf den Weg nach Deutschland gebracht. Aus Furcht vor einem Totalverlust in Äthiopien parke ich die neuesten Daten auf der Festplatte von René, einem Schweizer, der mit seinem Landrover schon seit Jahren durch Afrika reist. Sobald ich heil durch Nordafrika durch bin, kann er die Daten wieder löschen.

Mein Zelt im Garten der Jungle Junction

Weil dieser Campingplatz der Treffpunkt der Globetrotter ist, gibt es viele interessante Begegnungen und Gespräche - mit René, mit Chris, mit Jeff aus Südafrika, mit Moy aus Mexiko, mit Franziska und Martin aus Österreich und mit vielen anderen Reisenden. Eigentlich reist man ja nicht durch die Welt, um sich mit Menschen aus dem Westen zu treffen und zu unterhalten. Aber nach Monaten allein in der Fremde sind Gespräche mit Leuten aus dem eigenen Kulturkreis doch unglaublich erholsam.

Eine Menge europäischer Fahrzeuge sind hier monatelang geparkt; die Eigentümer machen zu Hause Urlaub von der Expedition.

Nach einer guten Woche bei JJ's reiße ich mich los. Elf oder zwölf Tage werde ich nun ohne Pause bis nach Arba Minch in Äthiopien durchfahren. Wandern am Mount Kenya wäre zwar noch eine schöne Abwechslung zwischendurch, doch Kenia hat - wie auch Tanzania - inzwischen völlig abgedrehte Preise für den Besuch von Nationalparks. Der Mount Kenya ist sogar noch einer der günstigen Parks - bei einer täglichen Eintrittsgebühr von 70 US-Dollars!

Dementsprechend unangenehm ist die Atmosphäre in Naro Moru, dem Ausgangsort zur Hauptroute auf den Berg. Der Besucher wird dort nur noch als Geldquelle angesehen. Hinter seinem Rücken lacht man ihn aus.

Am nächsten Morgen fällt der 70.000ste Kilometer fast exakt mit der Äquatorüberquerung bei Nanyuki zusammen. Bei Radelkilometer 69.998,5 wechsle ich auf dieser Reise zum letzten Mal die Seiten auf unserem Globus.

Der Weg von Nairobi, 1700 Meter hoch gelegen, nach Norden hat es in sich. Zunächst geht es hinab auf 1100 Meter, dann aber wieder stetig hinauf bis auf rund 2600 Meter am Fuß des Mount Kenya. In diesen Tagen herrscht leider auch noch heftiger Gegenwind. Dann eine langgezogene Abfahrt nach Isiolo und noch weiter hinunter in das Steppennest Archer's Post, das nur noch 800 Meter über dem Meer liegt. Ganz anders als in Naro Moru sind die Menschen hier sehr freundlich. Ein langes nettes Gespräch habe ich mit der kurzgeschorenen Priscila, die aus Nairobi stammt und nach mehreren Jahren auf der Arabischen Halbinsel nun als Bedienung in einer Kneipe in Archer's Post gelandet ist. Die einsamen Jahre in Arabien haben ihr gezeigt, dass sie weniger am Geld hängt als an ihrer Heimat Kenia.

 

 

 

 

 

 

 

 

Priscila

Nach zwei Halben Bier in der Mittagshitze drängt mich der Hunger in ein kleines Restaurant aus Lehm, Stroh und Plastikplanen weiter unten im Dorf. Der freundliche Besitzer bringt eine Riesenportion Bohnen mit Reis, außerdem Milchtee. Mit ihm und einigen ebenfalls gut Englisch sprechenden Jüngeren entwickelt sich eine weitere lebhafte Unterhaltung. Die Infrastruktur im Norden Kenias habe sich in den letzten Jahren deutlich verbessert, sagen sie, ebenso die Sicherheit.

Die Schule von Archer's Post

Der Ort verdankt seine Existenz diesem Fluss.

Ich erzähle, dass ich 1993 schon einmal in Archer's Post war. Damals stieg ich in der einzigen Unterkunft ab, die aus fünf aneinandergereihten einfachen Zimmern bestand. Am späten Nachmittag klopfte die junge Anita an die Tür, weil sie meinte, sie könne sich bei dem Weißen ein paar leichte Dollars verdienen. Martin, einer der jungen Männer, hakt ein: "Anita? Ja, die kennen wir. Sie war die eine von zwei Prostituierten in Archer's Post." Ich bin erstaunt, denn sie war damals noch ein Schulmädchen bei der katholischen Mission und noch nicht so recht organisiert. Martin kam erst einige Jahre später in diesen Ort, bis dahin hatte sich Anita offenbar zu einer Professionellen entwickelt. "Last year she passed away", sagt der Junge. Sie war wohl um die 40. Natürlich ist sie an Aids gestorben.

Die Straße nach Äthiopien ist erst seit ein paar Jahren asphaltiert.

Die 500 Kilometer von Archer's Post bis zur äthiopischen Grenze bei Moyale waren bis vor wenigen Jahren eine herbe Plackerei über grobe, steinige Piste. Auch Lastwagen fuhren sich hier regelmäßig die Reifen platt. Inzwischen haben chinesische und türkische Teams diese Route asphaltiert, gerade in diesen Tagen stellen die Türken die letzten Kilometer in Marsabit fertig. Somit ist es von nun an möglich, von Kairo nach Kapstadt durchgehend auf Asphalt zu fahren. Die tiefen Sandpisten im Norden des Sudan und die Schotterstraßen in Nordäthiopien sind schon vor rund zehn Jahren asphaltiert worden.

Die neue Straße nach Moyale wird derzeit aber noch wenig befahren. Nördlich von Archer's Post begegnet mir manchmal eine halbe Stunde lang kein Fahrzeug. Am ersten Tag radele ich durch Steppe mit einigen bizarren Felsformationen. Abseits der Straße fressen Kamele am dornigen Gebüsch, auch einige Zebras sind unterwegs. Dann rechts ein Straußenpaar, sie grau, er schwarzweiß. Als ich schon fast an ihnen vorbei bin, werden sie doch noch nervös, beginnen zu traben, dann zu laufen. Aber sie rennen nicht etwa nach rechts davon ins Gebüsch, sondern kreuzen direkt vor mir die Straße. Der Schwarzweiße bewegt sich sicher über den Asphalt, aber die Graue rutscht aus, und es haut sie ordentlich auf den Hintern. Eine kleine Federwolke steigt auf. Ich fürchte schon, dass sie sich verletzt hat, doch sie berappelt sich und folgt dem anderen in den Busch auf der linken Seite.

Immerhin drei Dörfer gibt es auf den 130 Kilometern bis nach Laisamis, wo ich in einem einfachen Guesthouse übernachte. Am nächsten Tag wird es einsamer. Die Steppe geht in Wüste über, bis schließlich die Berge auftauchen, in denen das Städtchen Marsabit thront. Hier ist es plötzlich grün wie in einer Oase. Weil diese Berge über 1000 Meter aus der trockenen Ebene herausragen, regnet es relativ häufig. Unten in der Kaisut- und der Dida Galgalu-Wüste wachsen bestenfalls ein paar dürre Sträucher, hier oben gibt es Bäume, sogar dichte Wälder und einige Seen.

Zwei Tage später komme ich in Moyale an. Das Städtchen wird von der Grenze in einen kenianischen Süden und einen äthiopischen Norden geteilt. Die kenianische Beamtin möchte mein Visum für Äthiopien sehen, bevor sie mir den Ausreisestempel gibt. Ich muss den zweiten Pass hervorzaubern, den, der neulich die Reise nach Berlin gemacht hat. Für die freundliche Dame ist der doppelte Pass kein Problem. Hauptsache, Äthiopien lässt mich einreisen und man bekommt keinen Stress mit jemandem, der zwischen den Grenzen festhängt.

Windhosen

Netterweise drückt sie den Ausreisestempel auf meine Bitte in beide Pässe. Nicht selbstverständlich - vor langer Zeit hatte ich deswegen einmal Schwierigkeiten beim Passwechsel zwischen Peru und Bolivien.

Hundert Meter sind es bis zum unscheinbaren Einreisebüro auf der anderen Seite. Auch da läuft alles reibungslos. Weil niemand das Gepäck kontrolliert, reist auch meine neue Machete mit ein. Ich habe sie vor ein paar Tagen in Isiolo gekauft, um im Ernstfall nicht völlig unbewaffnet dazustehen.

Hundert weitere Meter bleibe ich noch unbehelligt. Doch dann tönt es auch schon hysterisch "Ferenchi, Ferenchi!" in meinem Rücken. Kein Ernstfall. Aber sechs Kinder rennen wie von der Tarantel gestochen hinter dem Fahrrad her: Wahnsinn, ein Ausländer ist angekommen! "Ferenchi, Ferenchi!"

Ich bin wieder daheim - in Äthiopien.

 
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