Überraschung!

23.6.2017 - Mülllheim (85189 km)

Vor fünf Jahren feierte meine liebe Tante Regine im Schwabenlande ihren 75sten Geburtstag. Zu fortgeschrittener Stunde versprach ich, bei ihrem 80sten auch wieder dabeizusein. Damals wusste ich noch nicht, dass meine zweite Weltumradlung länger als vier Jahre dauern würde, dass ich im Sommer 2017 noch "on the road" sein würde. Aus Südtansania schrieb ich ihr im vergangenen August, dass  ich meine Zusage leider nicht einhalten kann.

Später kam mir die Idee, Regine noch während der Tour an ihrem Geburtstag zu besuchen. Wegen der unsicheren Lage in Nordafrika und den damit verbundenen Unwägbarkeiten behielt ich den Plan jedoch für mich. Nachdem sich Anfang März endlich ein Weg mit dem Schiff über das Mittelmeer gefunden hatte, begann ich in der Türkei zu rechnen, wie ich zur rechten Zeit in Biberach sein könnte.

Unterwegs in Frankreich (Foto: Wolfgang Renz)

Die Route durch Westeuropa war mit den Erlanger Partnerstädten vorgegeben: Umhausen/Österreich -> Cumiana/Italien -> Rennes/Frankreich -> Stoke-on-Trent/England -> Eskilstuna/Schweden -> Jena -> Erlangen. Der Umweg nach Süddeutschland würde am kürzesten sein, wenn ich ihn zwischen Umhausen und Cumiana einlegen könnte. Das passte allerdings zeitlich nicht mit Regines Geburtstag zusammen. Auch Cumiana-Biberach-Rennes würde noch zu früh sein. Vom Nordwesten Frankreichs nach Biberach und dann nach England zu radeln, wäre vollkommen irre. So beschloss ich also, im Eiltempo bis nach Stoke-on-Trent durchzufahren und von dort Süddeutschland anzupeilen. Auch das freilich ein Umweg von weit über 1000 Kilometern.

Um das Pensum bis Mitte Juni zu schaffen zu, bin ich seit Istanbul mit dem eineinhalbfachen Tempo unterwegs. Von dem Überraschungsbesuch bei meiner Tante wissen nur ihre Tochter, mein Bruder und meine Schwester. Die neulich skizzierte Route nach Schweden auf dieser Homepage ...

... verlief zur Verschleierung meiner Pläne von England über Frankreich und Belgien direkt in die Niederlande und weiter nach Norden. Eine kleine Notlüge.

Mit dem Besuch in Süddeutschland verlief die Reise tatsächlich so:

Seit Cumiana, der Partnerstadt nahe Turin, begleitet mich mein Erlanger Freund Wolfgang. Unser Weg führt über die Alpen und dann quer durch Frankreich von Grenoble nach Rennes. Dies sind auch die einzigen größeren Städte, die wir durchfahren. Wir finden schöne, ruhige Wege vorbei an Lyon und anderen großen Städten. Häufig haben wir den Geruch vom langsam verblühenden Raps in der Nase, von Heu und von Kuhmist. Auffallend viele Rinder stehen und liegen auf den Weiden, man hat das Gefühl, es sind glückliche Tiere. Wir genießen diese provinzielle Idylle.

Für uns sehr angenehm ist auch die Geduld der französischen Autofahrer. An unübersichtlichen Stellen fahren sie manchmal eine Minute lang hinter uns her, bevor sie überholen. Oft wirkt ihre Vorsicht gar übertrieben. Für einige scheinen durchgezogene Mittelstreifen vermint zu sein - so sehr scheuen sie sich, die weiße Linie mit den Reifen zu berühren.

Stadtrundgang durch Rennes mit Éliane Maudieu.

In der Partnerstadt Rennes wieder ein sehr freundlicher Empfang. Éliane Maudieu, die ehrenamtlich für den Freundeskreis Rennes-Erlangen arbeitet, gibt uns eine Führung durch die Stadt, die mit gut 200.000 Einwohnern auch Hauptstadt der Bretagne ist. Die alten Gebäude im Zentrum, sagt sie, seien leider bei verschiedenen Feuerkatastrophen zerstört worden. Aber ein paar von ihnen gebe es noch. Wir sind dann überrascht, wie viele Holz- und Fachwerkhäuser doch noch erhalten sind. Am eindrucksvollsten ist ein Ensemble, in dem die aneinandergeklebten Häuser krumm und schief stehen, die Fassade in ihrer Gesamtheit geradezu faltig wirkt.

Am Ende der Stadtführung übergebe ich am Rathaus das Erlanger Grußschreiben an Jocelyne Bougeard, die Beauftragte für internationale Beziehungen. Bei einem guten französischen Mittagessen unterhalten wir uns über die Welt und über die Kontakte zwischen unseren Heimatstädten. Die Partnerschaft zwischen Erlangen und Rennes besteht bereits seit 1964. Austausch gibt es in allen Bereichen des Vereins- und Kulturlebens, zwischen den Schulen und den Universitäten, auch in Politik und Wirtschaft.

Éliane Maudieu (rechts) und Jocelyne Bougeard vor dem Rathaus in Rennes (Foto: Wolfgang Renz).

Wolfgang fährt mit mir noch über die beliebten Atlantikküstenorte St. Malo und Mont St. Michel bis nach Cherbourg, wo die Fähre nach England ablegt. Er freut sich, für zwei Wochen Teil der Tour de Friends gewesen zu sein; ich fühle mich geehrt, am letzten Abend vor dem Abschied der einzige Gast bei der Feier seines runden Geburtstags sein zu dürfen.

Mit unglaublichen 65 km/h beamt mich die Fähre in gut zwei Stunden auf die große Insel. Dort ist vieles anders. Zum Beispiel die Währung. Zum ersten Mal seit der Ukraine muss ich wieder Preise umrechnen. Praktisch für den Reisenden ist, dass die Einkaufsläden sogar sonntags bis spät abends geöffnet sind. Dafür gibt es hier allerdings nicht mehr so feine Sachen wie drüben in Frankreich, wie etwa die guten Baguettes oder den tollen Käse. Das Brot ist - ähnlich dem in Nordamerika - vom Typ "riesig und luftig", die Packungen lassen sich auf fast ein Drittel zusammendrücken.

Mit Wolfgang bei Mont St. Michel an der Atlantikküste.

Und insbesondere ist England nicht gerade radfahrerfreundlich, zumindest nicht im Süden, durch den ich auf dem Weg nach Stoke-on-Trent radele. Die Straßen sind sehr schmal und - weil sie oft von Hecken begrenzt sind - auch unübersichtlich. Hier müssen die Autofahrer oft lange hinter dem Radler herschleichen, bis sich eine Möglichkeit zum Überholen bietet. Vollkommen berechtigt, dass diese Weltecke Eng-Land heißt.

Immerhin haben sich die Motorisierten damit abgefunden und drängeln nicht. Wo es Radwege gibt, sind die meist viel zu schmal, verwinkelt, Rüttelpisten, Slalomstrecken - sie wurde wohl mit dem Ziel angelegt: "Hauptsache, wir haben die Radler weg von der Straße". Angenehm ist, dass in den englischen Autos selten Klugscheißer sitzen, die aggressiv hupen, wenn man diese unzumutbaren Radwege ignoriert und auf der Straße fährt.

Übergabe des Erlanger Grußbriefes an Lord Mayor Ross Irving.

Stoke-on-Trent ist die achte Partnerstadt auf meiner langen Reise. Die ersten vier (Wladimir/Russland, Riverside/USA, San Carlos/Nicaragua, Beşiktaş/Türkei) habe ich innerhalb von vier Jahren besucht, die nächsten vier - Umhausen, Cumiana, Rennes und Stoke-on-Trent - innerhalb von vier Wochen. In Stoke geht der Erlanger Grußbrief an den "Lord Mayor". Das Amt des Bürgermeisters ist hier geteilt, es gibt ein administratives Stadtoberhaupt und einen Repräsentanten der Stadt, eben den Lord. Mr. Ross Irving ist ein gemütlicher älterer Mann mit gutem englischen Humor. Er war auch vor seiner Amtszeit als Stadtoberhaupt schon mehrmals in Erlangen und hat Ende der 80er Jahre die Partnerschaftsurkunde mit unterzeichnet.

Als Repräsentant der Stadt hat Mr. Irving viele aufregende Kontakte. Heute darf er den Radler aus Deutschland begrüßen, morgen wird er im Buckingham-Palast zu Gast sein, wenn die Queen ihre Gartenparty feiert.

Neal Morrell zeigt mir bei einer Radtour die Umgebung von Stoke-on-Trent. Erinnerungen an Franken und den "Alten Kanal" werden wach!

Über London fahre ich nach Dover, setze über nach Calais, besuche im belgischen Gent Hannes und Maarten. Die beiden Brüder sind 2013 mit ihren Motorrädern nach Nepal gefahren. Im Westen Chinas haben wir uns kennengelernt, dann in Pakistan und noch einmal in Indien zufällig wiedergetroffen.

Hannes in Gent

So langsam gewöhne ich mich wieder an das sogenannte zivilisierte Leben, ein großer Vorteil meines langen Umweges durch Europa. Der weite Halbkreis um Erlangen herum ist ja auch der Versuch einer Resozialisierung. Ein echten Kulturschock wird es allerdings auch deswegen nicht geben, weil ich mit meinem Radreisetempo immer sehr langsam zwischen den Kulturen unterwegs war.

Mir fällt auf, dass die Deutschen dicker geworden sind. Es gibt inzwischen viele Menschen von amerikanischem Kaliber, wie man sie vor allem in Kanada und in den USA sieht. Dort fahren schon 40-Jährige in Elektrostühlen auf vier kleinen Rädern über die Gehwege und durch die Supermärkte, weil sie ihr Gewicht aus eigener Kraft nur noch über kurze Strecken tragen können. So weit wird es in Deutschland auch noch kommen.

Sehr angenehm in Mitteleuropa ist die Sauberkeit. Das mag bieder klingen. Vielleicht muss man den Abfalldreck in Indien gesehen haben - die vermüllten Wiesen und die Dorfteiche, die fast vollständig mit Plastikflaschen, -tüten und -tellern zugedeckt sind, - um die Sauberkeit zu würdigen, die bei uns so selbstverständlich ist. Viele Bewohner der ärmeren Länder können mit dem neuen Abfall noch nicht umgehen. Wenn früher ein kleines Gericht aus der Garküche in Bananenblättern eingewickelt war, konnte man die Verpackung einfach fortwerfen. Weiterhin werfen die Menschen die Verpackungen einfach in die Natur, aber die sind heute fast überall auf der Welt aus Plastik. Plastikabfall droht uns eines Tages zu ersticken.

Auch die frische Luft in Europa ist so angenehm. Ich muss an die Dunstglocken über den chinesischen Städten denken und an den Dieselruß, den man sich nach ein paar Stunden Fahrt durch Addis Abeba vom Gesicht waschen muss.

Nach dem Besuch bei Hannes und Maarten geht es von Gent aus also nicht, wie neulich skizziert, weiter nach Holland, sondern in südöstlicher Richtung nach Deutschland. Viel Kletterei in den Ardennen, im Schwarzwald, in der Schwäbischen Alb. All die Hügel sind nicht hoch, aber bei dem ständigen Auf und Ab addieren sich die Höhenmeter zu mehreren Alpenüberquerungen.

Eines Tages komme ich in Biberach an und klingele an der Haustür meiner Tante Regine. Angekündigt sind ihre Tochter Brigitte und ihre Familie, allerdings erst eine Stunde später. Es dauert eine Weile, bis Regine an der Tür erscheint. Sie schaut mich an. Seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, sind fünf Jahre verstrichen. Sie ist vollkommen überrascht, hat nichts geahnt. Aber sie braucht nur einige Momente, dann ruft sie: "Peeeter!" Wir fallen uns in die Arme.

Meine Tante Regine - 80 Jahre ist sie nur auf dem Papier.

 
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Maks

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